Bayerns Handwerkskonjunktur ohne DynamikPeteranderl: "Die Koalition muss rasch ein Maßnahmenpaket für mehr Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit schnüren"
7. August 2026
Vor dem Hintergrund der schwachen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung haben auch Bayerns Handwerksbetriebe ihre aktuelle Geschäftslage im 2. Quartal 2026 pessimistischer eingeschätzt. Ende Juni bewerteten 80 Prozent der Befragten diese als gut oder befriedigend. Das sind 3 Punkte weniger im Vorjahresvergleich. Die durchschnittliche Betriebsauslastung lag im 2. Quartal bei 78 Prozent und damit leicht unter dem Vorjahresstand (minus 1 Punkt). „Die rückläufige Auslastung fällt angesichts des Personalabbaus im Handwerk – primär durch den Renteneintritt von Mitarbeitenden, deren Stellen vorerst nicht nachbesetzt werden – umso stärker ins Gewicht. Dass die geringeren Kapazitäten weniger ausgelastet werden können, zeigt, wie wenig Dynamik aktuell im Markt ist“, berichtet Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT). Der Anteil der Befragten, die einen nachlassenden Auftragseingang gegenüber dem Vorjahresquartal vermeldeten, stieg im Berichtszeitraum um 4 Punkte auf 30 Prozent. Die Auftragsreichweite war mit 9,0 Wochen minimal höher als vor einem Jahr (plus 0,1 Wochen).
Da eine Lösung des Iran-Kriegs nicht in Sicht ist, baut sich zusätzlicher Inflationsdruck in der Wirtschaft auf. Zwei Drittel der Betriebe vermeldeten im Berichtszeitraum gestiegene Einkaufspreise, 26 Punkte mehr als vor einem Jahr. Im 2. Quartal 2026 investierten 40 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe in Maschinen und Anlagen. Das entspricht einem Minus von 2 Punkten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dass die Preisentwicklung auch weiterhin dynamisch bleiben wird, zeigt der Blick auf die Erwartungen: 63 Prozent der Befragten rechnen im 3. Quartal mit weiter steigenden Einkaufspreisen. Vor einem Jahr lag dieser Anteil bei 42 Prozent. Aufgrund der schwachen Gesamtkonjunktur verlief auch die Umsatzentwicklung enttäuschend: 28 Prozent der Betriebe berichteten von sinkenden Umsätzen. Das sind 5 Punkte mehr als vor einem Jahr. Im 1. Halbjahr wurden im bayerischen Handwerk insgesamt 68,9 Milliarden Euro umgesetzt. Aufgrund des schwachen 1. Quartals beträgt das Umsatzplus nominal nur 0,3 Prozent. Real ergibt sich dagegen im 1. Halbjahr ein Minus von 2,7 Prozent.
„Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Gesamtlage bleibt auch die Beschäftigungssituation im bayerischen Handwerk angespannt“, sagt der BHT-Präsident: „Der Anteil an Betrieben, die mit weniger Personal auskommen mussten, stieg im 2. Quartal 2026 um 1 Punkt auf 15 Prozent. Nach unseren Schätzungen waren zum Ende des 1. Halbjahres rund 943.700 Personen in unseren Betrieben tätig. Dies entspricht einem Rückgang von 1,1 Prozent binnen eines Jahres.“ Angestiegen ist dagegen die Zahl der Handwerksbetriebe im Freistaat: Diese lag zur Jahresmitte bei 214.000. Das ist ein Plus von 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aufgrund der negativen äußeren Einflüsse nimmt auch die Binnenkonjunktur kaum Fahrt auf. Das schätzen auch Bayerns Handwerkerinnen und Handwerker so ein: Lediglich 9 Prozent der Betriebe erwarten eine Verbesserung ihrer Geschäftslage im 3. Quartal (minus 2 Punkte). 19 Prozent rechnen sogar mit einer Verschlechterung (plus 5 Punkte).
Handwerk fordert Maßnahmenpaket für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit
Die von der Bundesregierung in der ersten Jahreshälfte angestoßenen Reformen sind für das bayerische Handwerk nicht ausreichend: „Die Koalition muss nach der Sommerpause rasch ein Maßnahmenpaket für mehr Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit schnüren. Die geplante Einkommensteuerreform muss zu einer spürbaren und dauerhaften Entlastung von Handwerk und Mittelstand führen“, fordert Peteranderl. Die geplante Anhebung der sog. „Reichensteuer“ und die höhere Pauschalsteuer für Minijobs sieht das Handwerk kritisch, da sie erfolgreiche Familienunternehmen belastet und flexible Beschäftigungsmöglichkeiten erschwert. Zu den anzugehenden steuerpolitischen Maßnahmen gehören Verbesserungen bei der Thesaurierungsbegünstigung, der vollständige Abbau des Solidaritätszuschlags und eine Stromsteuersenkung für alle Unternehmen. Der BHT-Präsident: „Große Bedeutung für das Handwerk hat auch der vollständige Erhalt der Ausnahmeregelungen für Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer: Das ist ein zentraler Baustein, um unsere Betriebe an die nächste Generation übergeben zu können.“
Ebenso muss die Summe der Sozialversicherungsbeitragssätze wieder dauerhaft unter 40 Prozent gesenkt werden. „Die ersten Reformschritte gehen in die richtige Richtung. Doch weitere müssen zeitnah folgen. So sollten z.B. alle versicherungsfremden Leistungen vollständig aus Steuermitteln finanziert und nicht den Beitragszahlern aufgebürdet werden. Der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel muss wieder aktiviert werden. Bei der Abschaffung des abschlagsfreien Renteneintritts ab 63 muss es für körperlich belastende Berufe, wie z.B. im Handwerk, Anpassungen geben“, sagt Peteranderl. Bei der geplanten Altersvorsorgepflicht für Selbstständige sollten diese die Wahl zwischen einer gesetzlichen und einer privaten Absicherung haben. Enttäuscht ist das bayerische Handwerk vom Referentenentwurf zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes: Dieser setzt die im Koalitionsvertrag zugesagten Änderungen für Betriebsinhaber und Beschäftigte nicht um. „Die begrenzten Anpassungsmöglichkeiten der Arbeitszeit mit tarifvertraglichen Regelungen verknüpfen zu wollen, führt dazu, dass Handwerksbetriebe, die nicht tarifgebunden sind, von der vorgesehenen Flexibilisierung faktisch ausgeschlossen werden. Die vorgesehenen Regelungen zur elektronischen, taggenauen Arbeitszeitaufzeichnung bedeuten einen enormen bürokratischen Aufwand und ziehen weitere finanzielle Belastungen für unsere Betriebe nach sich“, macht der BHT-Präsident deutlich und stellt klar: „Der Referentenentwurf muss dringend überarbeitet werden.“
Erneut mehr Lehrverträge im bayerischen Handwerk
Aktuell sind bei den bayerischen Arbeitsagenturen rund 30.000 offene Stellen in Handwerksberufen gemeldet. Engpässe gibt es vor allem im Elektrohandwerk, in der Gebäudetechnik sowie im Kfz-Bereich. „Umso wichtiger ist, dass wir verstärkt junge Menschen für das Handwerk gewinnen. Bis Ende Juli wurden rund 17.800 neue Lehrverträge im bayerischen Handwerk abgeschlossen, das ist ein Anstieg von 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit ist das ‚Corona-Minus‘ wieder vollständig aufgeholt, wir liegen aktuell sogar um 4,6 Prozent über dem Niveau von Ende Juli 2019. Der Anstieg erstreckt sich über viele Gewerke und gründet nicht auf Sondereffekten in einigen wenigen Berufen“, betont BHT-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Hüpers. Mit Blick auf die berufliche Weiterbildung warnt das Handwerk vor erheblichen Einschnitten aufgrund der anhaltenden Rechtsunsicherheit bei der sozialversicherungsrechtlichen Einordnung von Honorarkräften. Hüpers: „Wir brauchen dringend eine praxistaugliche gesetzliche Regelung, die klärt, unter welchen Voraussetzungen Honorarkräfte im Bildungsbereich weiterhin freiberuflich tätig sein können.“ Die Handwerksorganisationen in Deutschland schätzen, dass ohne eine solche Lösung ab 2028 etwa 50.000 Personen in ihren Bildungseinrichtungen von einer „Scheinselbstständigkeit“ betroffen sein könnten.“
Zudem kam der BHT-Hauptgeschäftsführer auf ein Beispiel für die „Regulierungswut“ der Europäischen Kommission zu sprechen: Der sog. „Digitale Produktpass (DPP)“ ist ein QR-Code oder Chip, der auf dem jeweiligen Produkt angebracht wird und Informationen wie Hersteller- und Lieferkettendaten, CO2-Fußabdruck, Energieverbrauch, erwartete Lebensdauer, Materialzusammensetzung und Komponenten, Reparaturmöglichkeiten, kompatible Ersatzteile, Wiederverwendbarkeit und Recyclingmöglichkeiten des Produkts für Verbraucher, Unternehmer und Behörden enthält. Hüpers: „Der DPP wird auch eine Vielzahl von handwerklichen Produkten betreffen. Eine geforderte Ausnahmeregelung für Maßanfertigungen, Kleinserien und Unikate konnte in der Grundverordnung nicht verankert werden. Dabei sind diese gut begründet: So fällt die Schonung von Ressourcen bei Maßanfertigungen nicht ins Gewicht. Bei Unikaten können keine Informationslücken zwischen Hersteller und Verbraucher entstehen. Die geforderte, umfangreiche Datenbeschaffung ist für Handwerk und KMU um ein Vielfaches komplizierter als für Großunternehmen und verlangt großen personellen und finanziellen Aufwand. Dieser sorgt für Kostensteigerungen bei den Endprodukten und führt damit zu einem Wettbewerbsnachteil für unsere Betriebe.“ Daher fordert der BHT weiterhin Ausnahmen: „Für das Handwerk müssen reduzierte technische Anforderungen gelten und sämtliche Daten industrieller Vorprodukte bereits digital erfasst werden, damit der lückenlose Nachweis am Ende nicht an unseren Betrieben hängen bleibt. Weiter muss sichergestellt werden, dass vertrauenswürdige Daten, die etwa in den Bereich des geistigen Eigentums fallen können, vor einem unberechtigten Datenabfluss geschützt sind“, erklärt der BHT-Hauptgeschäftsführer.
Beitrag von Alexander Tauscher: