BHT-Mitgliederversammlung in NürnbergPeteranderl: "Wir brauchen einen echten strukturpolitischen Aufbruch und Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken"

30. Oktober 2026

Der Präsident des Bayerischen Handwerktages (BHT), Franz Xaver Peteranderl, fordert mehr substanzielle wirtschaftspolitische Reformen: „Sonst werden die zuletzt nach oben korrigierten Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum haben“, machte er bei der BHT-Mitgliederversammlung in Nürnberg deutlich.

Im Handwerk kommen die durch erhöhte Staatsausgaben ausgelösten Wachstumsimpulse bislang noch nicht an: 20 Prozent der bayerischen Betriebe gehen davon, aus, dass sich ihre wirtschaftliche Lage im letzten Quartal des Jahres verschlechtern wird, nur 11 Prozent gehen von einer Verbesserung aus. Fast zwei Drittel berichten von steigenden Einkaufspreisen, 20 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Das macht sich u.a. auch bei der Beschäftigung bemerkbar: Für 2026 rechnet der BHT mit einem Minus von rund 1,5 Prozent. Bei der Umsatzentwicklung geht das bayerische Handwerk zwar von einem nominalen Plus von etwa 2 Prozent aus – nach Abzug der Preissteigerung wird 2026 erneut ein realer Umsatzrückgang stehen.

„Damit die Wirtschaft wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückkehren kann, brauchen wir einen echten strukturpolitischen Aufbruch und Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken“, sagte Peteranderl. Der Regierungsentwurf zur Einkommensteuerreform bleibe hinter den Erwartungen der Wirtschaft zurück. Den vorgesehenen Entlastungen stünden auch neue Mehrkosten gegenüber – beispielsweise bei der Besteuerung von Minijobs, so der BHT-Präsident. „Dass der ‚Reichensteuersatz‘ zweistufig mit Sätzen von 45 bzw. 47 Prozent ausgestaltet werden soll, kann auch zahlreiche Personenunternehmen des Handwerks betreffen, für die die Einkommensteuer die maßgebliche Unternehmensbesteuerung darstellt“, warnte Peteranderl. Weiter fehle der konsequente Ausgleich der kalten Progression und die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags.

Gleichzeitig haben die Sozialabgaben mit insgesamt 42,3 Prozent ein Rekordniveau erreicht. Der BHT-Präsident: „Unser personalintensives Handwerk ist von den steigenden Lohnzusatzkosten besonders betroffen. Dies setzt sowohl Betriebe als auch Beschäftigte zunehmend unter Druck.“ Bei den notwendigen Strukturreformen müsse es darum gehen, die Finanzierung des Renten-, Gesundheits- und Pflegesystems abzusichern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts zu gewährleisten. Das Maßnahmenpaket der Rentenkommission enthalte schmerzhafte, aber notwendige Maßnahmen, so Peteranderl. Bei der abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren pocht der BHT-Präsident allerdings auf praktikable Ausnahmeregelungen für körperlich belastende Berufe.

Thomas Pirner, Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken, wies in seiner Rede auf die Bedeutung einer starken Interessenvertretung hin: „Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche, die viele Handwerksbetriebe vor große Herausforderungen stellen. Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, dass die Interessen des Handwerks verlässlich und mit Nachdruck vertreten werden. Der Bayerische Handwerkstag setzt sich seit fast acht Jahrzehnten für die Belange des Handwerks und seiner Betriebe ein – und steht auch heute für Kontinuität, Zusammenhalt und eine starke Stimme gegenüber Politik und Öffentlichkeit.“

BHT-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Hüpers berichtete von steigenden Ausbildungszahlen: „Bis Ende September wurden 26.600 neue Lehrverträge registriert. Das sind fast 1.000 Verträge beziehungsweise 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr.“ Bemerkenswert sei dabei vor allem, dass das Handwerk auf dem Ausbildungsmarkt gegen den Trend wachse und das Plus sich über fast alle Handwerksbereiche ziehe. Hüpers: „Bei uns muss man keine Angst vor KI und Automatisierung haben. Künstliche Intelligenz ist im Handwerk ein produktives Werkzeug, das wir benutzen, aber keine Bedrohung für Berufsanfänger.“

Die neue EU-Verpackungsverordnung bezeichnete der BHT-Hauptgeschäftsführer als „gut gedacht, aber mittelstandsfeindlich gemacht. Weniger Verpackungsabfälle, mehr Recycling und eine stärkere Kreislaufwirtschaft wollen wir auch. Doch die Ausgestaltung überzeugt nicht. Wieder werden europäische Vorgaben an den Strukturen großer Unternehmen ausgerichtet, während kleine und mittlere Unternehmen zu wenig berücksichtigt werden. Wenn für einzelne Lieferungen Registrierungen und Bevollmächtigte in mehreren Mitgliedstaaten erforderlich werden, ist das für unsere Betriebe nicht mehr wirtschaftlich. Das kann nicht im Sinne des europäischen Binnenmarkts sein.“

 

Auch bei der Reform des europäischen Vergaberechts sieht Hüpers erheblichen Nachbesserungsbedarf: „Der bewährte Vorrang von Fach- und Teillosen wird nicht verbindlich abgesichert. Gerade die Losvergabe ermöglicht kleinen und mittleren Betrieben den Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Fällt dieser Grundsatz schleichend weg, droht eine weitere Konzentration zugunsten großer Anbieter.“ Das bayerische Handwerk fordert daher, die Fach- und Teillosvergabe verbindlich im europäischen Recht zu verankern. „Öffentliche Aufträge müssen für Mittelstand und Handwerk erreichbar bleiben. Wer Wettbewerb stärken will, darf die Betriebe nicht durch kompliziertere Verfahren aus dem Markt drängen. Gute Vergabepolitik schafft faire Chancen, nicht neue Hürden!“, betonte der BHT-Hauptgeschäftsführer.

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